Peter Kalinowski, Entwickler des Konzepts Karate
als BewegungsKunst, zu:
Verteidigung
und Abwehr
Abwehr im Karate als
Bewegungskunst ist ihrem Wesen nach AusWEICHen. Das
bedeutet, sich einer Kraft, die in den engeren Radius
meines Körpers aggessiv einzudringen versucht - und
vielleicht größer ist als die eigene -, nicht
entgegenzustellen, sondern sich geschmeidig ihr
anzugleichen, sie aufzunehmen, um sich schließlich von
ihr abzustoßen oder sich gar an ihr konternd in den
Angreifer hineinzuziehen. Die Kraftlinie, in der die
gegnerische Energie überhaupt nur zerstörerisch wirken
kann, wird so mit Hilfe derselben Energie verlassen, die
vom Aggessor zwar destruktiv gemeint war, die ich als
Verteidiger aber neutral, als bloße Gegebenheit
aufnehme. Im Ansatz ist eine solche ReAktion für den
Angreifer kaum zu erkennen, so daß er noch einen
Augenblick im Glauben bleibt, zu treffen, während der
Verteidiger ihn tat sächlich schon an sich
"vorbeirauschen" oder in die eine
Abwehrreaktion abschließende Konteraktion
"laufen" läßt.
Die
WEICHheit des AusWEICHens ist Ausdruck der Akzeptanz
einer unumgänglichen Situation und Angleichung an die
durch sie erzeugten äußeren Umstände. Dies bedeutet
zugleich aber die ausdrückliche Absage an die Einnahme
der Rolle des Opfers, des Unterlegenen bzw. des
Sich-Unterwerfenden. Allein der aus der Situation sich
ergebenden Notwendigkeit bin ich unterworfen, nicht aber
einem fremden Willen, der Macht über micht gewinnen und
mir Gewalt antun will.
Die innere Haltung,
die wir durch eine intensive Auseinandersetzung mit den
eigenen körperlichen und mentalen Energien - hier
vorrangig Bewegungsvorstellung und Willenskraft - in
kontinuierlicher Übung erlangen, zeichnet sich durch ein
hohes Maß an körperlicher Gelöstheit und seelischer
Gelassenheit aus. Das Wissen um das enorme
Energiepotential der eigenen Mitte, durch bestimmte
Übungsreihen immer wieder angesprochen, wirkt hinein
auch in belastende Alltagssituationen, denen wir so in
gewisser Weise distanzierter und doch mit hoher Präsenz
und Anteilnahme begegnen können.
Karate bedeutet aber selbstverständlich auch Härte,
wenn es darauf ankommt. Diese Härte entspringt jedoch
einer gelösten Verfassung und körperlichen Weichheit
und ist dann bei weitem wirkungsvoller als jene Härte,
die von einem verkrampften Wollen erzwungen wird: Härte
kommt aus der Weichheit und kehrt in sie zurück - etwas
Ähnliches können wir beim Schnappen eines Handtuches
beobachten. Die Weichheit wird im Konter zur Härte - im
Moment der Entladung löst sich die Spannung sofort
wieder. Das Üben dieser Bewegungsformen fordert und
fördert in besonderer Weise die Fähigkeit, sich schnell
zu entspannen und bewirkt insgesamt einen optimalen
Entspannungszustand, ohne dabei in eine apathische
Verfassung zu verfallen. So ensteht eine maximale
Amplitude zwischen Spannung und Entspannung, die weder
durch ausschließlich weiche bzw. entspannende Formen wie
z.B. Tai-Chi und Yoga noch allein durch auf Härte
angelegte Sportdisziplinen wie Karate, Boxen oder
Kraftsport erreichbar ist.
Werden
diese Übungen zur Konzentration auf Haltung und
Gleichwicht und vor allem zur Steigerung der
Energiedynamik der eigenen Bewegung ohne PartnerIn
ausgeführt - was im Karate als Bewegungskunst von
zentraler Bedeutung ist -, müssen wir uns zudem noch die
Energielinie eines möglichen Angriffs vorstellen,
wodurch wir uns in diese bloß vorgestellte Situation
wirklich einfühlen. Auf diese Weise wird neben
Vorstellungskraft und Antizipationsfähigkeit auch die
Bewegungskreativität unmittelbar angesprochen.
Darin unterscheidet sich Karate als Bewegungskunst
von anderen Übungsmethoden des Karate, bei denen davon
ausgegangen wird, daß "Arme und Beine zu Waffen
auszubilden" seien, der Körper also in extremer
Weise für eine vorgeblich besonders effiziente
Wehrhaftigkeit instrumentalisiert wird. Dies führt auf
längere Sicht dazu, seinen Körper mehr und mehr zu
"verbrauchen" als ihn aufzubauen und zu
erhalten, wobei jene anvisierten Abwehrkräfte sogar
wieder eingebüßt werden. Intrumentalisierung des
Körpers zur Abwehr arbeitet also einer SELBSThaften
Abwehr entgegen.
In seiner Ausprägung als Bewegungskunst versteht sich
diese besondere Form des Karate dem Präventionsgedanken
verbunden. Eine umfassende psychophysische Wirkung
entsteht hier, indem die Vorteile einer aufbauenden
sportlichen Betätigung - Training von
Herz-Kreislauf-System und Bewegungs"apparat" -
mit jenem aus dem Karate abgeleiteten Gedanken von
"Abwehr" verbunden werden.
Bei dem für den Hochschulsport entwickelten Konzept Energie
und Bewegung aus dem Ursprung liegt der Schwerpunkt
auf einer Bewegungsschulung, die den Energiefluß der
Körperbewegung begleitet, wobei jene oben genannten
psychoregulativen Aspekte im Zentrum stehen. Dieses
Übungskonzept Ansatz weist über eine rein sportliche
Betätigung hinaus und markiert Ansatzpunkte für einen
therapeutischen Einsatz, der sich, im Gegensatz zu der
Vielzahl "esoterisch-angehauchter" Formen der
Körperschulung, der wissenschaftlichen
Nachvollziehbarkeit verpflichtet sieht. Ein spezifisch
therapeutischer Einsatz soll nach dem Willen der
Initiatoren daher in die Hände von Ärzten und
Psychtherapeuten gelegt werden.
Hinter diesen beiden Konzepten Karate als
Bewegungskunst und Energie und Bewegung aus dem
Ursprung steht das dem Shotokai Karate
Deutschland e.V. angehörige
Akademische KarateForum,
das versucht, neben seinem Ansatz eines "anderen
Karate", eine Art Propädeutik Körperbewegung für
Alltag, Sport und Therapie an den Hochschulen zu
etablieren. Näheres zum diesem Konzept erfahren sie
unter www.karate-forum.de.
Peter Kalinowski, 1998
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