Peter Kalinowski, Entwickler des Konzepts Karate als BewegungsKunst, zu seiner Deutung des Karate als Suche nach dem Energie-Ursprung und dem Üben von Ki-Hon als Arbeiten mit der Ursprungsenergie:

Was ist Karate als BewegungsKunst?

1. Frage: Herr Kalinowski, schon seit Mitte der 80er Jahre arbeiten Sie im Rahmen der Initiative Karatekunst mit einem innovativen Trainingskonzept, das Sie Karate als Bewegungskunst nennen und entwickeln dies ständig weiter. Trotz dieses langjährigen Wirkens und der mittlerweile überregionalen Verbreitung Ihres Konzepts wissen viele Mitbürger, ja sogar viele Insider nicht so recht, etwas mit diesem Titel anzufangen. Bitte erklären Sie uns kurz, was diese besondere Art von Karate von der landläufigen Weise, diesen Sport zu betreiben, unterscheidet.

Kalinowski: Die meisten Menschen, die erstmals von "Karate als Bewegungskunst" hören, meinen, es handle sich um eine Art anmutigen Tanz, der Elemente einer ostasiatischen Kampfkunst verwendet, wobei der Selbstverteidigungsaspekt vernachläßigt würde - das Gegenteil ist der Fall. Der Gegensatz zum, ich möchte es "Mainstream-Karate" nennen, liegt nicht etwa nur in der äußeren Erscheinungsform der Bewegungen, sondern in der Auffassung ihrer inneren Struktur: deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang von "Strukturanalyse der Bewegung". Dabei gehen wir wie folgt vor: 1. Einsicht in die Prinzipien gewinnen, die den überlieferten Verteidigungsbewegungen des Karate zugrunde liegen, 2. Sich beim eigenen Bewegen ständig selbst beobachten und nicht auf vorgegebene Formen fixieren, 3. Versuchen trotz störender Einflüsse, wobei ein Angriff auf die eigene Person als die massivste Störgröße gesehen werden muß, bei sich selbst zu bleiben und aus dem eigenen Energieursprung heraus zu (re-) agieren - nur so kann man fundiert SELBSTverteidigung lernen. Übrigens, der Kunstbegriff der Initiative KarateKunst, wie er auch Karate als Bewegungskunst zugrundeliegt, ist ein höchst moderner - er zielt nicht auf die Schönheit der Bewegung als Selbstzweck und auch nicht auf eine handwerklich-technische Dimension (Beherrschung), sondern läuft auf SELBSTerfüllung im Bewegen hinaus. Das Entscheidende an diesen Bewegungsübungen ist also, daß das Ansprechen der Körpererfahrung, das mit einem aufbauende Körpertraining einhergeht, immer zugleich auch eine Schulung der Fähigkeit ist, sich selbst zu behaupten und zu verteidigen, ohne seinen Körper dazu instrumentalisieren zu müssen.

2. Frage: Seit einiger Zeit bieten Sie in Ihrem Schulungsprogramm auch einen Kurs mit dem Titel "Yoga in der Bewegung" an - welche Bedeutung hat denn nun das Yoga für Ihren alternativen Weg, an das Karate heranzugehen; bedeutet das Hinzunehmen des Yoga vielleicht sogar einen Wendepunkt in der Entwicklung Ihres Bewegungskonzepts?

Kalinowski: Yoga, und seine Praxis statischer Dehn- und Kräftigungsübungen, stellt offensichtlich erst einmal einen Gegenpol zur dynamisch geprägten Karatebewegung dar und ist doch zugleich als Gymnastik und Schulung der (aufrechten) Körperhaltung Voraussetzung für unseren einfühlsamen Umgang mit dem Körper in der Karatebewegung. Dabei ist die Polarität gerade kein sich ausschließender Gegensatz: der "Yogapol" ist vielmehr der Ruhepol der Karatebewegung selbst - in körperlicher Hinsicht ist er vor und nach der Bewegung von entscheidender Bedeutung, in mehr mentaler Hinsicht sogar während des Bewegens. Wenn wir es beim Üben also schaffen, die "gespannte Ruhe" der Yogahaltung in die Karatebewegung einfließen zu lassen, dann können wir von "Ruhe in der Bewegung" sprechen, was Voraussetzung für ein souveränes Bewegen ist. Wenn wir umgekehrt auch noch die dynamische Energie, wie sie über den "Karatepol" ausgeprägt wird, in die Yogahaltung hineinziehen können, erreichen wir ein Höchstmaß an "Bewegung in der Ruhe". Erst durch Yoga wird Karate zur "Ruhe in der Bewegung" und umgekehrt: erst durch Karate wird Yoga zu "Bewegung in der Ruhe". Von einem Wendepunkt in der Entwicklung dieses Bewegungskonzepts ist also durchaus nicht zu sprechen, aber von einem echten Erkenntniszuwachs: dem Wissen, wie am Ruhepol der Karatebewegung zu arbeiten ist und daß zum anderen die im Karate traditionell angewandten Gymnastikformen ohnehin ihren Ursprung im Yoga haben.

3. Frage: In verschiedenen Artikeln können wir lesen, daß der Anteil der Frauen bei Ihren Kursprogrammen im Durchschnitt über 50% liegt. Wie kommt es zu einer solchen "Frauenquote", wo das weibliche Geschlecht im Kampfsport doch üblicherweise stark unterrepräsentiert ist? - Oder anders gefragt, warum fühlen sich Mädchen und Frauen so wohl in Ihren Bewegungskursen?

Kalinowski: Nicht nur in den speziellen Selbstverteidigungskursen werden bei uns Mädchen und Frauen gefördert. Das Konzept Bewegungskunst wirkt durch alle Kurse hindurch, und dieses Konzept fordert und fördert besonders Qualitäten, die Frauen in der Regel schon in einem viel höheren Maß mitbringen: Geschmeidigkeit, Weichheit, Aufnahmefähigkeit und Bewegungsrhythmus - alles Qualitäten, die beim ausWEICHenden Verteidigen gefragt sind und sowohl beim Üben als auch im Falle einer notwendigen Selbstverteidigung bloßer Kraft, und Verkrampfung schon sowieso, weit überlegen sind. Entsprechend werden Frauen bei uns geachtet und niemand geht mit blauen Flecken oder Schäden an der Seele nach Hause. Das sind allem Anschein nach die Gründe für unsere phänomenale "Frauenquote".

4. Frage: Eine andere Zielgruppe, die immer größer wird, darf auch nicht vergessen werden: Ist Ihr Schulungs- und Kursangebot wirklich auch für ältere Erwachsense und sog. Senioren zu empfehlen oder setzen sie doch irgendwo eine Grenze?

Kalinowski: Nach unser Methode können alle Altersgruppen ein auf sie abgestimmtes Übungsprogramm absolvieren. Die Grenzen sind dabei weniger durch das kalendarische Alter als durch die körperliche Grundverfassung gesteckt. So ist z.B. bei einer schweren Herzkrankheit oder einer ausgeprägten Osteoporose auch von einer solch allgemeinen Körperschulung abzuraten und auf spezielle Therapiegruppen zu verweisen. Allen weitgehend gesunden Menschen, die intensiv daran arbeiten wollen, daß sie dies auch weiterhin bleiben, dagegen ist diese Weise der Bewegungsübung nur wärmstens zu empfehlen, sogar noch über die 60 hinaus. Durch die Erweiterung unseres Angebots um den Kurs Yoga in der Bewegung wurde neben den schon erwähnten Vorteilen für das Karate zugleich durch eine andere Schwerpunktsetzung auch ein besonders sanfter Zugang zur Bewegungskunst für Ältere eröffnet. Außerdem kommt die Form der Vermittlung in allen Kursen der Initiative Karatekunst gestandenen Persönlichkeiten entgegen: selbstbestimmtes Üben, kein Konkurrenzkampf, kein körperliches Kräftemessen zwischen Jüngeren und Älteren, so daß diese ihre mentalen Fähigkeiten und ihre Lebenserfahrung in die Waagschale werfen können und vor allem: keine Bevormundung, weder durch Kursleiter noch durch Formen und Formeln, sondern aufklärende Ratschläge zur Arbeit an sich selbst - Anleitung, nicht Belehrung, ist unser pädagoisches Leitmotiv.

5. Frage: Wenn Sie nun aber neuerdings Ihr Konzept auch für Kinder und Jugendliche propagieren, so müssen Sie hier doch wohl Abstriche machen. Oder wie soll es möglich sein, nach der genannten hohen Schule der Erwachsenenpädagogik Kinder zu interessieren und bei der Stange zu halten ? - Ist Ihr Gesamtkonzept, wenn ich es richtig verstanden habe, nicht zwangsläufig schon auf selbständige Persönlichkeiten angewiesen und daher für Kinder sogar ungeeignet?

Kalinowski: Kinder werden nur allzu oft unterschätzt und als kleine Dummerchen abgetan, dabei sind die Kleinen in machen Dingen klüger als wir Großen. Aber selbstverständlich ist etwas dran an Ihrer kritischen Anmerkung zur Pädagogik: man kann das Erwachsenenmodell nicht einfach über die Kinder stülpen. Hier ist eine kreative, ansprechende Form der Vermittlung des Karate als Bewegungskunst gefragt, die aber gerade mit dazu beitragen soll, freie, selbstbestimmte Persönlichkeiten hervorzubringen und ihnen nicht bloß Schläge und Tritte beizubringen und zur Ablenkung Spielchen zu machen, nur, weil sie so am besten "ruhigzustellen" sind. Sie sollen lernen, sich einerseits auf sich selbst zu konzentrieren und sich in problematischen Situationen zu behaupten, andererseits aber verantwortungsbewußt mit anderen umzugehen - es ist ein Hinführen zu Mut und Zivilcourage bei einem Höchstmaß an Rücksichtnahme anderen gegenüber. Wir machen also kein "Da-Da-Da-Karate" mit ihnen, sondern vermitteln ihnen von Anfang an die Karatekunst auf dem Stand unserer Erkenntnisse, nur anders aufbereitet, z.B. in der Sprache von Bildern und durch Vergleiche und vor allem: wir verwickeln sie in unsere - zugegeben - nicht ganz einfachen Bewegungsübungen des Karate und Haltungen des Yoga, so daß sich die Anforderung, konzentriert und schweigend zu üben, wie von selbst erfüllt.


Herr Kalinowski, ich danke Ihnen für diese aufschlußreichen Erläuterungen.

Interview des Akademischen KarateForums mit Peter Kalinowski, dem Gründer der Initiative KarateKunst und leitenden Instructor der JKA Germany am 3. September’98 in Freiburg.

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