Peter Kalinowski, Entwickler des Konzepts Karate als BewegungsKunst zur Tiefenstruktur von KATA:

Wesensmomente von Kata im Karate als BewegungsKunst -
Kata als ERMÖGLICHUNG von Kumite

Im Karate als Bewegungskunst wird Kata und Bunkai in energetischer Hinsicht geübt als innere Voraussetzung einer wirklichen Wandlung des Bezugs zur "widerständigen Umwelt" und damit auch schon als ursprünglicher Zugang zum Kämpferischen, das ein besonderes Verhältnis zum Widerständigen darstellt.
Kata ist zunächst Form - Form ist wesenhaft Festlegung. Das Üben von Kata auf einem Niveau, das das richtige "Ablaufen" des Ablaufs überschreitet, bedeutet aber gerade nicht der Form als Form gerecht zu werden, sondern vergessen zu lassen, daß es sich um eine Festlegung handelt. Zwar wird dem äußeren "Ablauf" schließlich auch hier entsprochen, aber aus jeder Bewegung könnte auch eine andere - aber keinesfalls beliebige, sondern eine, die im Potential der vorherigen möglich oder angelegt ist - hervorgehen. Von außen betrachtet, scheint es in jedem Augenblick auch anders kommen zu können; in der Retrospektive aber, wenn das Ganze der Kata vor dem inneren Auge präsent ist, werden wir einer absoluten Notwendigkeit gewahr, daß es genau so kommen mußte - und damit genau diese Form ihre Berechtigung hat. Darin liegt die eigentliche Qualität der Kata im Karate als BewegungsKunst, daß die Form in jeder einzelnen wirklich durchlebten Bewegung - und im Sinne des Rückbezugs auf die Potentialtät aller Bewegungen auch das ganze Gefüge - aufgehoben bzw. überstiegen wird. Ein solches Gefüge erscheint dann nicht mehr als vorgefertigte Form, sondern als Improvisation aus einer intuitiven Erfassung der Situation, die ein möglicher Angreifer an jedem Punkt der Kata neu vorfinden kann.
Darin aber besteht die Identität von Kata und Kumite in der inneren Struktur, denn Kata ist ein Rahmen für die eigentliche Qualität der BewegungsKunst, für das Bei-sich-selbst-Sein im Bewegen, das als Kata aber anderes nicht solipsistisch ausblendet oder gar ausschließt, sondern andere mögliche Bewegungen (Angriffe) antizipiert und in die eigene "Ausformung" einfließen läßt. Wird hier also neben dem Selbst-Sein auch eine absolute innere Situationsoffenheit beim Bewegen trotz des "beiläufigen" Durchlaufens bestimmter Positionen erreicht, befinden wir uns auf einer kulturellen Stufe des Kampfes, die nicht mehr ausschließlich, ja sogar nicht einmal mehr primär, über eine direkte Konfrontation mit einem Gegenüber zu erreichen ist.
Die "Umsetzung" ins Üben mit Partner(n) und schließlich ins Kämpfen gegen Opponenten kann also - nach dieser Einsicht - nur auf einem Wege ausgehend von der Selbstgewißheit des eigenen Bewegens (KiHon) über die Antizpation möglicher Fremdbewegung (Kata) hin zur direkten Konfrontation mit einem wirklichen Gegenüber (Kumite) erfolgen.
Der Weg des Karate als BewegungsKunst geht also vom KiHon aus und mündet in der Kata als der eigentlichen Option auf Kumite. KiHon meint hier aber nicht bloß "Grundschule" und damit formalisierendes Reglementieren, sondern die Annäherung an die eigene Ursprungs- (Hon) Energie (Ki) des Übenden in prinzipiennahen Übungsformen. Der Weg führt weiter zu der dann ins Zentrum rückenden Kata als Komplex des KiHon unter Antizipation möglicher Fremdeinflüsse und unter verstärkter Einbeziehung möglicher "Fremdenergie". Und er gelangt über Partnerübungen des Miteinander-Kämpfens (erkundendes Mitbewegen in den Energielinien des Partners) schließlich zum Gegeneinander-Kämpfen als Selbst-Verteidigung (antizipierendes "Schneiden" der Energielinien des Gegners). Darin verwirklicht sich der Wandel des Zugangs zur kämpferischen Auseinandersetzung überhaupt, deren letzte Instanz die unmittelbare Fühlung zum eigenen Ursprung auch dann noch bleibt, wenn es zur unausweichlichen Konfrontation kommt. Das aktive Einlassen auf einen äußerlichen Schlag- oder Griffabtausch wird damit unmöglich, weil so das Selbst zur Disposition gestellt würde. Selbst-Verteidigung aber setzt eben jenes Selbst als substanziellen Kern der personalen Identität voraus, den es zu verteidigen gilt.
Der Gegensatz zur Durchdringung einer Kata im Sinne des Karate als BewegungsKunst ist eine Kata, die im Sinne des "Stellungskarate" exerziert und abgelaufen wird. "Stellungskarate" nenne ich eben jenen Gegensatz zum "Bewegungskarate", das als Bewegungskunst von der Potentialität der Bewegung ausgeht und die daraus entspringende Bewegung selbst ins Zentrum stellt. Die Kata, wie sie als Festlegung vom "Stellungskarate" unkritisch nachgeahmt wird, hangelt sich von Stellung zu Stellung und absolviert so ihren eindimensionalen Weg, der keine wirkliche Perspektive von Kumite eröffnet. Durch diese teilweise sogar athletisch betriebene Engführung von Kata wird das Feld der "wirklichen" kämpferischen Auseinandersetzung den Spezialisten eines "möglichen", aber eher unwahrscheinlichen Kampfes nach streng reglementierten Spielregeln überlassen, die sich in den Grenzen der Legalität eines abgesprochenen Kampfes bewegen, ohne dazu auf eine innere und damit auch moralische Dimension verwiesen zu sein. Weder sind solche Kämpfer auf die entscheidenden Aspekte wirklicher kämpferischer Auseinandersetzung schon allein durch ihr Spiel in den Grenzen eines Wettkampf-Reglements vorbereitet, noch werden sie dadurch schon - sofern sie dennoch über ein das Spiel überschreitendes kämpferisches Potential verfügen - ein tiefes Verständnis der eigenen Leiblichkeit und ein einfühlsames Verhältnis zum eigenen Körper erlangen, das Handeln als Manifestation leib-seelischer Identität erst ermöglicht - eine Identität, durch die sich Freiheit und Moralität in Ausdruck und Bewegung verleiblichen.
Darin ist nun also das Ethos dieser Methode veranlagt, das eines Rekurrierens auf "geistige" oder "philosophische Hintergründe" nicht bedarf, weil Geist dieses Üben selbst immanent beleitet und nicht erst wie im "Stellungskarate" gängig, nachträglich beschönigend als Ornament aufgesetzt wird.
In einer enggeführten Perspektive von "Stellungskarate" erscheinen Kata und Kumite jedoch als isolierte Disziplinen mit nur geringer oder sogar gänzlich ohne Wechselwirkung und Bunkai entweder als instrumentaliserte Fortsetzung der Kata oder als technisierte Form des Kumite. Aus der Perspektive der BewegungsKunst dagegen scheint beim Versuch, eine Kata wirklich zu durchdringen, also ihre innere energetische Struktur zu eröffnen, jene ganz andere Perspektive von Kumite durch, die allein eine "kopernikanische Wende" bezüglich kämpferischer Auseinandersetzung auf unserer Stufe der Kultur verspricht.

In diesem Kontext sind die folgenden Aussagen zu verstehen:

  1. Im Karate gibt es keinen (ersten) Angriff (Karate ni sente nashi), weil Karate Selbst-Verteidigung ist.
  2. Kata ist Ermöglichung einer unserer Stufe der Kultur entsprechenden Selbst-Verteidigung.
  3. Meisterung von Kata bedeutet Überwindung von Form als Form in einer Form
  4. Es gibt keine Relevanz eines "geistigen" oder "philosophischen Hintergrundes" des Karate (historische Dimension), die man nachträglich einem nicht gewandelten Üben überstülpen könnte. Geist manifestiert sich in der Karatebewegung selbst (...oder auch nicht).
  5. Ansatzpunkte der Veränderung des Zugangs zum Karate als Kunst ist das Üerdenken der Übungsformen und eine "geistige Belebung" der Karatebewegung durch einfühlsame ÜbungsleiterInnen.

Peter Kalinowski, 1999

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