Die zentralen
Anliegen des
Shotokai Karate Deutschland e.V.
Freiburg, den 22.Juli 2000
Der Shotokai Karate
Deutschland e.V. setzt sich für ein ursprüngliches und zugleich
kritisches Verständnis von ostasiatischer Kampfkunst, besonders
von Karate, in Deutschland ein.
Das Shotokai-Karate ist eine reine Verteidigungskunst. Nach dem
Grundsatz des NI SENTE NASHI ist ein erster Angriff ethisch nicht
zu vertreten, weshalb das Shotokai-Karate dem Jiyu-Kumite
(Freikampf) als Wettkampfsport, bei dem die positive Bewertung
des Angriffs verinnerlicht wird, kritisch gegenübersteht. Im
Gegensatz zu dem im Allgemeinen als Kampfsport betriebenen
Shotokan-Karate werden innerhalb des Shotokai selbst keine
Wettkämpfe durchgeführt. Der dem Shotokai-Karate
zugrundeliegende Kanon von Kata ist mit dem des Shotokan-Karate
jedoch weitgehend deckungsgleich, wenn auch die Art ihrer
Interpretation durch die Orientierung am Energiefluß der
Bewegung und durch den direkten Bezug zur Selbstverteidigung
wesentlich von der des Shotokan-Karate abweicht.
Eine Besonderheit des Shotokai Karate Deutschland e.V. sind die
fünf Taikyoku-Formen, die die wesentlichen Prinzipien des Karate
als Bewegungs- und Verteidigungskunst lehren.
Neben der Durchführung von konkreten Trainingsmaßnahmen wie Kursen und Lehrgängen im Shotokai-Karate und Stil-übergreifenden Veranstaltungen zur BewegungsKunst und Selbstverteidigung, steht die kontinuierliche Forschung der allgemeinen Grundlagen unserer Körperbewegung im Zentrum der Bemühungen des Shotokai Karate Deutschland e.V.. Die weitere Entwicklung des Karate als Bewegungs- und VerteidigungsKunst erfolgt auf der Basis der Erkenntnisse aus dieser Grundlagenarbeit. Das dem Shotokai Karate Deutschland e.V. angeschlossene Akademische KarateForum setzt sich dabei für Veröffentlichungen, besonders für interdisziplinäre Arbeiten im thematischen Umfeld der Grundlagenforschung zu Körperbewegung und ostasiatischer Verteidgungskunst sowie für Vorträge, Seminare, Kolloquien zu diesen Themenkreisen ein.
Der Shotokai Karate
Deutschland e.V. beschäftigt sich ausgehend von einem
allgemeinen Interesse an den Wesensmomenten unserer
Körperbewegung in einer grundsätzlichen Weise mit Karate als
einer Bewegungs- und VerteidigungsKunst.
Zusammen mit seinem Akademischen KarateForum versucht er daher
auch den Austausch zwischen den verschiedenen Sportarten durch
seine Grundlagenarbeit zur Körperbewegung zu stärken sowie zur
Aufdeckung der die einzelnen Disziplinen der Kampfkunst und
unterschiedlichen Karate-Stile verbindenden Prinzipien durch
seine Stil-übergreifende Konzeption der Bewegungs- und
Verteidigungskunst beizutragen, aber auch schon innerhalb der
bestehenden Strukturen den nationalen und internationalen Kultur-
und Sportaustausch zu fördern.
Ein weiteres wichtiges Anliegen ist es, Struktureinsichten in
Bewegungsformen der Kampfkunst für Übungsreihen der sog.
Funktionsgymnastik sowie für ein allgemeines und spezielles
Koordinationstraining im Sport fruchtbar zu machen. In diesem
Zusammenhang knüpft der Shotokai Karate Deutschland e.V. an das
sportartübergreifende Grundlagenprogramm an, das Peter
Kalinowski seit Anfang der 90er-Jahre an der Universität
Freiburg im Rahmen des Allgemeinen Hochschulsports unter dem
Titel "Energie und Bewegung aus der Mitte" entwickelt
hat. Ansatzpunkt dieses Kurskonzepts ist eine kritische
Auseinandersetzung mit Bewegung in Alltag und Sport durch
Konzentration auf Energien, die vom Körperzentrum aus gesteuert
werden und über reine Muskelkraft hinausgehen. Mit Hilfe von
Übungen zum Bewegungsfluß und zur Bewegungsdynamik, die neben
Atem-, Spannungs- und Entspannungsübungen eine wichtige Rolle
spielen, ist die Erlangung einer inneren Ruhe und Gelöstheit bei
gleichzeitiger Steigerung der äußeren Dynamik der Bewegungen
angestrebt. In der umgekehrten Richtung setzt sich der Shotokai
Karate Deutschland e.V. dafür ein, daß neue Erkenntnisse der
Sportwissenschaft, Neurophysiologie, Psychologie, Pädagogik und
verwandter Bereiche verstärkt in die Übungspraxis der
Kampfkunst einfließen.
Der Ausdruck "Karate" wird im folgenden in einem weiteren Sinne verwendet. "Kara-te" heißt wörtlich aus dem Japanischen übersetzt "leere Hand", was in erster Linie bedeutet, sich unbewaffnet verteidigen zu können. Diese allgemeine Bedeutungsebene von "waffenloser Kampfkunst" umreißt jedoch nur den äußeren Rahmen, in dem das eigentliche Anliegen des Organisation, die Herausarbeitung der wesentlichen Bewegungsprinzipien, verwirklicht werden soll. Diese Prinzipien sind von grundlegender methodischer Bedeutung für eine Vermittlung der KarateKunst, die hinter die Vielzahl von Lehrmeinungen und Stilarten des Karate und der verwandten Kampfkünste zurückgeht und ihren einigenden Ursprung in unserer menschlichen Natur aufzuweisen vermag. Von diesen grundlegenden Bewegungsanalysen, die über den Rahmen von Verteidigung und Kampf hinaus ein enormes Innovationspotential für das allgemeine Bewegungsvermögen des Menschen darstellen, soll dann auch der Transfer von Bewegungsformen der KarateKunst in andere Lebensbereiche bzw. sportliche Disziplinen ausgehen.
Der Shotokai Karate Deutschland e.V. versteht sich nicht als Konkurrenz zu den nationalen Kampfsportverbänden der einzelnen Disziplinen, sondern als Zusammenschluß von Aktiven, die über den reinen Sportbetrieb hinaus ein Interesse am ursprünglichen Zusammenhang aller mit dem Karate verwandten Kampfkünste in disziplinübergreifenden Bewegungsprinzipien haben. Wir empfehlen den in einer bestimmten Kampfkunstdisziplin aktiven Mitgliedern neben der Mitgliedschaft im Shotokai Karate Deutschland e.V. eine Mitgliedschaft in dem für die Vertretung der jeweiligen Disziplin vom Deutschen Sportbund anerkannten Kampfsportverband auf Bundesebene und vermitteln bzw. fördern Mitgliedschaften in internationalen Verbänden, sofern diese mit den Grundgedanken des Shotokai Karate Deutschland e.V. vereinbar sind.
Die wesentlichen Ansatzpunkte der grundsätzlichen Auseinandersetzung des Shotokai Karate Deutschland e.V. mit der Körperbewegung des Menschen sind nun zu umreißen, um die über eine sportliche Disziplin und Selbstverteidigungsmethode hinausweisende Bedeutung des Karate als Bewegungskunst deutlich zu machen.
Der Shotokai Karate Deutschland e.V. will dazu beitragen, die Körperbewegung des Menschen in ihrem Wesen verstehen zu lernen und aus der Erfahrung der Energiedynamik unseres Bewegens das Verhältnis zum eigenen Körper neu zu bestimmen.
Ausgehend von der Kritik am herrschenden Umgang mit dieser Problematik in der alltäglichen und besonders in der sportlichen Praxis arbeitet der Shotokai Karate Deutschland e.V. daran, eine fundamentale Struktur des menschlichen Bewegens freizulegen. Unsere Kritik richtet sich gegen die Instrumentalisierung des menschlichen Bewegungsvermögens. Den Körper als eine Art Instrument für sportliche Ziele zu benutzen, bedeutet, das Bewegungsempfinden als wesentlichen Zugang zur eigenen Körperlichkeit und selbstverständlich auch die Gesundheit zu gefährden. Aber gleichermaßen sind die im Alltag vorrangig eingeübten unmittelbar zielorientierten, allein der Zweckmäßigkeit dienenden Bewegungsmuster zu problematisieren.
Karate, wie es der Shotokai Karate Deutschland e.V. versteht, zeichnet sich demgegenüber durch eine Selbstbezogenheit der Bewegungen zum SICH-Bewegenden bei gleichzeitiger Erzeugung eines hohen Energieüberschusses aus. Diese konzentrierten Bewegungen scheinen uns besonders geeignet, einen Zugang zum eigenen Energieursprung im Körperzentrum zu eröffnen.
Der Shotokai Karate
Deutschland e.V. fühlt sich deshalb aber nicht schon einer der
vorgegebenen Zielsetzungen verpflichtet, mit denen das Karate
üblicherweise verknüpft wird: Karate wird weder als allein in
der Tradition begründete ein für alle mal festgeschriebene
Lehre akzeptiert, noch werden alle erst vom modernen
Wettkampfsport hervorgebrachten Modifikationen oder gar
Modeerscheinungen übernommen. Das heißt aber auch nicht, daß
Karate als bloß besonders effektives Fitnessprogramm propagiert
würde, das als Ausgleich zum Alltag die "Flickarbeit"
in Sachen Gesundheit leistet oder eine der modernen
Wegwerfgesellschaft analoge
"Fit-for-fun(ction)-Mentalität" bestärkt; vielmehr
entwickelt der Shotokai Karate Deutschland e.V. mithilfe der
allgemeinen Bewegungsprinzipien, wie sie gerade im Karate und
verwandten Bewegungsformen ostasiatischer Herkunft besonders
prägnant zutage treten, einen Leitfaden, anhand der
Energiekonzentration im Körper die Präsenz des eigenen
Personseins zu erfahren.
Bewegungsformen fernöstlicher Herkunft werden vom Shotokai
Karate Deutschland e.V. nicht kritiklos zur Aneignung angeboten,
sondern unsere Bewegungsgewohnheiten, die sich bei genauerem
Hinsehen oftmals als Bewegungsvermeidungsgewohnheiten entpuppen,
werden mit eben diesen hochenergetischen Bewegungsformen
konfrontiert, um so eine neue Perspektive auf die durch
alltägliche oder sportartspezifsche Instrumentalisierung
abgestumpfte Körperbewegung zu gewinnen. Das erst ermöglicht
uns, Bewegungsformen aus der Ferne des Östlichen in die Nähe
unseres je eigenen Erfahrungshorizonts zu bringen, hält uns
zugleich aber auch von jenen vermeintlich authentischen Lehren
ostasiatischer Provenienz fern, die mittels disziplinierender
Bewegungsübungen, basierend auf einer Struktur von Befehl und
Gehorsam, die hierarchische Unterordnung unter eherne Gesetze der
Tradition fordern und dies durch einen sogenannten
"philosophischen Hintergrund" verbrämen. Entgegen
solchen dogmatisch versteiften Lehrmeinungen können allein die
unablässig zu erforschenden allgemeinmenschlichen Prinzipien von
Bewegung den Leitfaden für das Konzept des Shotokai Karate
Deutschland e.V. bilden.
Der Shotokai Karate Deutschland e.V. arbeitet auf der Basis der
seit Mitte der 80er Jahre von der Initiative KarateKunst
entwickelten und seit Anfang der 90er Jahre vom Akademischen
KarateForum systematisierten Grundlagen, an einem neuen Konzept
des Bewegungslernens und erprobt alternative Formen der
disziplinübergreifenden Vermittlung von fundamentalen
Bewegungsprinzipien. Das von Peter Kalinowski hier entwickelte
Programm der Entteleologisierung der Körperbewegung des Menschen
versucht - statt stupidem Einüben von vorgegebenen
Bewegungsformen, deren "geistiger Hintergrund" erst
nachträglich geliefert wird - die bewegungsimmanente Geistigkeit
des Einzelnen zum Ausgangspunkt zu nehmen und von hier aus die
größtenteils verdeckten Potentiale des Körpers freizulegen und
zu entwickeln. Die Freisetzung dieser Potentiale ermöglicht dann
hochenergetische Bewegungen und führt dabei auch zur
Vitalisierung des ganzen Körpers. Das diese Bewegungsdynamik
erst ermöglichende Ausgangspotential steht noch vor der
Bewegungsdynamik selbst im Zentrum dieses Ansatzes. Wir sprechen
hier ausdrücklich von einem dynamisch interpretierten
"Bewegungskarate" im Gegensatz zur statischen
Sichtweise, die sich in einem "Stellungskarate"
ausdrückt. Abgelehnt werden auf äußere Normen ausgerichtete
Bewegungsformen, die gerade nicht am Bewegungsursprung, sondern
am Bewegungsziel einer Endstellung ansetzen.
Karate als Kunst bedeutet Bewegen aus dem Ursprung, also eine Haltung jenseits der Wirkungsorientierung der Bewegung als bloßer "Bewegungstechnik" (Karatetechnik) oder gar der Effekthascherei eines auf artistische Darbietung ausgerichteten Karate.
Der Shotokai Karate Deutschland e.V. wendet sich weiterhin gegen die Verherrlichung jedwelcher kriegerischer Handlungen, wie sie sich z.B. in einer unkritischen Haltung dem japanischen Samurai-Ethos gegenüber manifestiert. Eine solche in Kreisen Kampf-kunstbegeisterter leider gängige Auffassung führt zur Idealisierung der Vorstellung vom "edlen Rittertum", dessen Ethos aus der Sicht einer humanistischen Grundauffassung zumindest als höchst problematisch zu beurteilen und kaum irgendwie mit den modernen Errungenschaften eines gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen in einer pluralen Gesellschaft in Einklang zu bringen ist.
Karate ist nach dem Verständnis des Shotokai Karate Deutschland e.V. keine Kriegskunst. Eine Gleichsetzung des Kämpferischen mit dem Kriegerischen, wie dies die geläufige Zurechnung der KarateKunst zu den sog. "martial arts", also "Kriegskünsten", suggeriert, ist in bezug auf die vom Shotokai Karate Deutschland e.V. vertretene Form des Karate unhaltbar. Die Rolle des Kampfes im Dienste des Kriegerischen ist grundsätzlich zu unterscheiden vom Kampf als Selbstbehauptung oder (Selbst-)Verteidigung. Das Kämpferische als Ausdruck einer kritischen Haltung im Sinne des Sich-Wehren-Könnens soll gefördert werden, wohingegen die Feigheit einer geist- und gefühllosen kriegerischen Haltung zutiefst verabscheut wird.
In diesem Sinne ist die Idealform der Selbstverteidigung dadurch charakterisiert, an der Energie des Angreifers anzusetzen, diese aufzunehmen, um dann dessen destruktive Aggressivität gegen ihn selbst zu wenden. Der Shotokai Karate Deutschland e.V. geht in seiner Praxis der KarateKunst wie auch in der Selbstverteidigung von den grundlegenden Bewegungsstrukturen des Menschen aus, über die nahezu jedeR alltäglich schon verfügt, die dann aber durch Konzentration auf das eigene Energiezentrum eine völlig neue Qualität bekommen. Besonders Frauen kommt es entgegen, daß nicht primär am Aspekt der Muskelkraft, der Domäne der Männer, angesetzt wird, sondern die Geschmeidigkeit und Dynamik des Bewegens betont wird, aus der heraus dann wiederum große Kräfte freigesetzt bzw. sich zunutze gemacht werden können. Blockartige Bewegungen sollen soweit wie möglich vermieden werden, weil sie dem angestrebten Bewegungsfluß entgegenstehen. Auch die gesundheitsfördernde Wirkung dieser Übungsmethode basiert darauf, daß mit fortschreitender Übung immer weniger Kräfte, die dem inneren Energiefluß zuwiderlaufen, erzeugt werden. "Einfühlung" in den eigenen Körper bedeutet aus der Sicht der Energiedynamik, immer mehr mit seinem Energiefluß zu arbeiten und so ein hektisches "Über-Sich-hinaus-Gehen" und das daraus resultierende "Außer-Sich-Sein" zu vermeiden.
Sogenannte
"Ganzheitsmethoden" der Vermittlung sind in bezug auf
das Konzept des Shotokai Karate Deutschland e.V. dennoch fehl am
Platze, da der Weg zur Ganzheit des selbsthaften Bewegens des
Einzelnen allein über eine der Vermittlung bestimmter
Bewegungsformen vorausgehende und diese durch-und-durch
bestimmende Analyse möglich ist. Entscheidend ist, daß wir beim
Erlernen einer neuen Bewegung zu allererst über den kognitiven
Akt des Verstehens eine Bewegungsvorstellung entwickeln, also
nicht irgendwelchen "exotischen" Bewegungen
unreflektiert begegnen und diese dann einfach nachahmen.
Ausgehend von einer die wesentlichen Aspekte umfassenden
Bewegungsvorstellung kann jedeR auf dem Wege der Übung die für
sich selbst angemessene Bewegungsausprägung entwickeln, die dann
Ausdruck der Einfühlung in den Körper ist, und nur so wird
jedem einzelnen Individuum seine je eigene Ganzheit als Eigenheit
über eine individuelle Synthese der Bewegungsprinzipien in
seiner Person eröffnet und zugestanden, die sich von der seines
Lehrers und seiner Mitübenden zwangsläufig unterscheidet. Eine
"allgemeinverbindliche Ganzheitlichkeit" hingegen
verschleiert gerade jene erst auf analytischem Wege zu
gewinnenden Bewegungsprinzipien und vereinheitlicht die
Gesamtbewegung im Hinblick auf das Vorbild des Lehrers, so daß
statt der Einfühlung in den eigenen Körper ein Bemühen
gefördert wird, einer äußerlichen, sichtbaren Bewegungsform zu
entsprechen. Die als "idealtypisch" angesehene
Bewegungsweise des Lehrers als Meister und VorBILD wird in diesem
Zusammenhang gar als "ganzheitlicher" Ausdruck eines
kosmischen Prinzips gedeutet, wodurch eine nähere Untersuchung
des Phänomens unterbunden wird. Dieser "esoterische"
Weg wird abgelehnt und stattdessen eine unverblümte Exoterik in
bezug auf das Bewegungslernen im Karate gefordert. Dadurch aber
verliert die Kunst nichts von ihrem Reiz, der sich für die
bewußt Übenden in der Spannung zwischen der Vorstellung der
Idealbewegung und der Verwirklichung im Bewegen auftut - eine
Spannung, die immer wieder von Neuem zum Weiterüben antreibt.
Auch der geheimnisvolle Charme einer jeden wirklich ausgereiften
individuellen Ausprägung von Bewegungen der KarateKunst bleibt,
trotz aller Bemühungen um Einsicht in die zugrundeliegenden
Bewegungsprinzipien, unangetastet - als harmonische
Ausgeglichenheit von gestigen und körperlichen Vermögen.
Der vom Shotokai Karate Deutschland e.V vertretene
strukturanalytische Ansatz und die daraus hervorgehende Methodik
des Bewegungslernens wird gelegentlich, besonders von
"spirituellen Praktikern", die eine japanische DO-Lehre
für sich in Anspruch nehmen, als Ausdruck eines
einschränkenden, weil hypertrophierten "westlichen
Verstandesdenkens" mißverstanden, das es mithilfe
"östlicher Praktiken" gerade zu überwinden gilt.
Dabei wird von der Voraussetzung ausgegangen, der Verstand
verbaue uns prinzipiell das im Üben selbst liegende
Glücksempfinden und verhindere gar tiefere Einsichten in das
eigene Wesen. Ein ausschließlich kontemplativer Weg des Übens
soll einen Ausweg aus dem Zirkel uns ständig bedrängender
Gedanken darstellen, von denen es sich zu lösen gilt, um eine
"höhere Erkenntnisstufe" zu erlangen. In letzter
Konsequenz wird von dieser Seite sogar versucht, die rationale
Analyse aus der Praxis des Bewegungslehrens und -lernens
gänzlich auszuschließen und statt dessen durch die Vorgabe von
vorgefertigten Verhaltensmustern auf der Basis eines "Kanons
von Sekundärtugenden", wie sie einer "östlichen
Praxis" zu entsprechen scheinen, eine universelle Heilslehre
als Alternative zum eigenen Nachdenken zu propagieren. Wir
können uns aber nicht ohne weiteres aus der uns prägenden
Rationalität verabschieden, ohne dabei ein konstitutives
Vermögen einzubüßen, das gerade notwendig ist, um einen Zugang
zu "östlichen Praktiken" zu gewinnen, der über eine
bloße Maskerade hinausreicht. Der Shotokai Karate Deutschland
e.V. will die Sphäre dieser Rationalität nicht verlassen, bevor
die sich aus ihr ergebenden Möglichkeiten in bezug auf ein
tieferes Verstehen der Körperbewegung des Menschen überhaupt
erst annähernd ausgeschöpft sind. Dem eräwhnten
Mißverständnis hingegen liegt das Vorurteil zugrunde,
"westliches Denken" mit instrumenteller Vernunft
gleichzusetzen - einer Geisteshaltung, in deren Rahmen der
Körper als Perzeptions- und Ausführungsorgan angesehen und wie
ein Werkzeug be- und vernutzt wird. Diese Einstellung zum Körper
kritisiert der Shotokai Karate Deutschland e.V. aber selbst
gerade vehement, nur versucht es, die eigentlichen Ursachen
hierfür innerhalb des Denkens und Fühlens unseres Kulturkreises
aufzudecken, anstatt sich von vornherein an bis zur
Unkenntlichkeit simplifizierte Weisheiten ostasiatischer
Provenienz als Leitfaden für eine alternative Lebensführung
anheimzugeben.
Damit jeder und jedem Einzelnen die Möglichkeit eröffnet wird,
tiefgreifende Einsichten in die Bewegungsprinzipien und ihre
Zusammenhänge zu bekommen, ist die Schaffung eines
"entspannten Feldes" des Erkennens, Erprobens und
Übens notwendige Voraussetzung, die mit einer bestimmten
Auffassung des Meister-Schüler-Verhältnisses und dem damit
üblicherweise einhergehenden Reglement nicht vereinbar äwre.
Das Meister-Schüler-Verhältnis, ein an sich schon in bezug auf
die modernen Errungenschaften des Zusammenlebens problematisches
Gebilde, wurde im Zuge der institutionalisierten Verbreitung des
Kampfsports im Westen, oftmals ohne jegliche Befähigung oder
auch nur Bereitschaft zu kritischer Einsicht in seine
geschichtliche Einbindung in die asiatische Mentalität und
Religiosität, übernommen und in den Dienst eines autoritären
Unterwerfungsverhältnisses gestellt, im dem, einschließlich der
hierarchisch strukturierten Subsysteme, kritikloses Befolgen von
Befehlen als selbstverständlich erachtet wird. Diese
"Kasernenhofmentalität" mit dementsprechenden
Kommunikationsformen hat im Verbund mit Machismus, Brutalität
und "autoritärer Charakterbereitschaft" seit Beginn
der Etablierung des ostasiatischen Kampfsports im Westen bis
heute dessen Image geprägt. Gerade hiervon wendet sich der
Shotokai Karate Deutschland e.V. mit aller Entschiedenheit ab und
stellt sich ausdrücklich auf den Boden einer
freiheitlich-demokratisch verfaßten Gesellschaft und ihres der
Intention nach herrschaftsfreien Dialogs aller Mitglieder als
Mitmenschen.