Anliegen und Konzept
des Shotokai Karate Deutschland e.V.

 

 

Der Shotokai Karate Deutschland e.V. setzt sich für ein ursprüngliches und zugleich kritisches Verständnis von ostasiatischer Körperschulung und Kampfkunst - besonders von Karate - in Deutschland ein.

 

Das Shotokai-Karate ist eine reine Verteidigungskunst. Nach dem Grundsatz des NI SENTE NASHI ist ein erster Angriff ethisch nicht zu vertreten, weshalb das Shotokai-Karate dem Jiyu-Kumite (Freikampf) als Wettkampfsport, bei dem die positive Bewertung des Angriffs verinnerlicht wird, kritisch gegenübersteht. Im Gegensatz zu dem im allgemeinen als Kampfsport betriebenen Shotokan-Karate werden innerhalb des Shotokai selbst keine Wettkämpfe durchgeführt. Sofern Mitglieder an Wettbewerben von Organisationen  teilnehmen möchten, mit denen der Shotokai Karate Deutschland e.V. zusammenarbeitet, steht ihnen diese Möglichkeit selbstverständlich offen.

Aber nicht nur im Gegensatz zum Karate als Kampfsport und Wettkampf, sondern vielmehr noch zur Bestimmung als Kampf- oder Kriegskunst, bei der Angriff und Verteidigung gleichberechtigt nebeneinanderstehen, schließt das Shotokai als reine Verteidigungskunst Angriffshandlungen und die Vorbereitung darauf generell aus, sofern sie nicht der Selbstverteidigung oder der unmittelbaren Nothilfe dienen.

Das Shotokai-Karate als Verteidigungskunst betont das Vermögen, Angriffe WEICH aufzunehmen oder ihnen auszuWEICHen und mit der Energie des Angriffs so zu verfahren, daß möglichst wenig Kraft, aber schon gar keine Brachialgewalt im Spiel ist. Blocktechniken werden auf die seltenen Situationen beschränkt, in denen "weichere" Formen der Verteidigung nicht mehr möglich sind.

 

Der dem Shotokai-Karate zugrundeliegende Kanon von Kata ist mit dem des Shotokan-Karate weitgehend deckungsgleich, wenn auch die Art ihrer Interpretation durch die Orientierung am Energiefluß der Bewegung und durch den direkten Bezug zur Selbstverteidigung wesentlich von der des Shotokan-Karate abweicht.

Eine Besonderheit des Shotokai Karate Deutschland e.V. sind die fünf Taikyoku-Formen, die die wesentlichen Prinzipien des Karate als Bewegungs- und Verteidigungskunst lehren, was weit über die im Shotokan übliche Anwendung des Taikyoku-Schemas als Standardmuster für die Variation von Technikkombinationen hinausweist.

Im Shotokai geht es nicht bloß um korrekte äußere Formen oder Effektivität von Verteidigungstechniken, sondern besonders um das Einfühlungsvermögen in den eigenen Körper beim Bewegen, das mit einem wachsenden Verständnis für unsere Körperbewegung bei zunehmendem Körperbewußtsein entsteht. Das so geförderte selbst-hafte Bewegen wiederum wird als übergreifende Basis jeder Form von Selbst-Verteidigung angesehen.

 

Neben der Durchführung von konkreten Trainingsmaßnahmen wie Kursen und Lehrgängen im Shotokai-Karate sowie Stil-übergreifenden Veranstaltungen zum Karate als BewegungsKunst und zur Selbstverteidigung steht die kontinuierliche Forschung der allgemeinen Grundlagen unserer Körperbewegung unter den Titeln "BewegungsKunst" und "Körperpräsenz" im Zentrum der Bemühungen des Shotokai Karate Deutschland e.V. Die weitere Entwicklung des Karate als Bewegungs- und VerteidigungsKunst erfolgt auf der Basis der Erkenntnisse aus dieser Grundlagenarbeit. Das dem Shotokai Karate Deutschland e.V. angeschlossene Akademische KarateForum setzt sich dabei für Veröffentlichungen, besonders für interdisziplinäre Arbeiten im thematischen Umfeld der Grundlagenforschung zu Körperbewegung und ostasiatischer Verteidigungskunst sowie für Vorträge, Seminare und Kolloquien zu diesen Themenkreisen ein.

 

Der Shotokai Karate Deutschland e.V. beschäftigt sich, ausgehend von einem allgemeinen Interesse an den Wesensmomenten unserer Körperbewegung, in einer grundsätzlichen Weise mit Karate als einer Bewegungs- und VerteidigungsKunst.

Im Rahmen des angeschlossenen Akademischen KarateForums soll der Austausch zwischen den verschiedenen Sportarten durch die Grundlagenforschung zur Körperbewegung gestärkt sowie zur Aufdeckung der die einzelnen Disziplinen der Kampfkunst und unterschiedlichen Karate-Stile verbindenden Prinzipien durch seine Stil-übergreifende Konzeption der Bewegungs- und Verteidigungskunst beigetragen werden. Daneben soll aber auch innerhalb der bestehenden Strukturen der nationale und internationale Kultur- und Sportaustausch gefördert werden.

Ein weiteres wichtiges Anliegen ist es, Struktureinsichten in Bewegungsformen der Kampfkunst für Übungsreihen der sog. Funktionsgymnastik sowie für das allgemeine und spezielle Koordinationstraining im Sport fruchtbar zu machen. In diesem Zusammenhang knüpft der Shotokai Karate Deutschland e.V. an das sportartübergreifende Grundlagenprogramm an, das Peter Kalinowski seit Anfang der neunziger Jahre an der Universität Freiburg im Rahmen des Allgemeinen Hochschulsports unter dem Titel Energie und Bewegung aus der Mitte entwickelt hat. Ansatzpunkt dieses Konzepts ist eine kritische Auseinandersetzung mit Bewegung in Alltag und Sport durch Konzentration auf Energien, die - vom Körperzentrum aus gesteuert - weit über reine Muskelkraft hinausgehen. Durch eine Schulung von Bewegungsfluß und Bewegungsdynamik - in Verbindung mit Atem-, Spannungs- und Entspannungsübungen - ist die Erlangung einer inneren Ruhe und Gelöstheit bei gleichzeitiger Steigerung der äußeren Dynamik der Bewegungen angestrebt.

In umgekehrter Richtung setzt sich der Shotokai Karate Deutschland e.V. dafür ein, daß neue Erkenntnisse der Sportwissenschaft, Neurophysiologie, Psychologie, Pädagogik und verwandter Bereiche verstärkt in die Übungspraxis der Kampf- bzw. Verteidigungskunst einfließen.

 

Der Ausdruck "Karate" wird im folgenden in einem weiteren Sinne verwendet. "Kara-te" heißt wörtlich aus dem Japanischen übersetzt "leere Hand", was in erster Linie bedeutet, sich unbewaffnet verteidigen zu können. Diese allgemeine Bedeutungsebene von "waffenloser Verteidigungskunst" umreißt jedoch nur den äußeren Rahmen, in dem das eigentliche Anliegen der Organisation, die Herausarbeitung der wesentlichen Bewegungsprinzipien, verwirklicht werden soll. Diese Prinzipien sind von grundlegender methodischer Bedeutung für eine Vermittlung der KarateKunst, die hinter die Vielzahl von Lehrmeinungen und Stilarten des Karate und verwandter Verteidigungsmethoden zurückgeht und ihren einigenden Ursprung in unserer menschlichen Natur aufzuweisen vermag. Von diesen grundlegenden Bewegungsanalysen, die über den Rahmen von Verteidigung und Kampf hinaus ein enormes Innovationspotential für das allgemeine Bewegungsvermögen des Menschen darstellen, soll dann auch der Transfer von Bewegungsformen der KarateKunst in andere Lebensbereiche und Sportdisziplinen ausgehen.

 

Der Shotokai Karate Deutschland e.V. versteht sich nicht als Vertreter einer isolierten "Stilrichtung" des Karate. Er steht daher auch nicht in Konkurrenz zu den einzelnen Stilen und Ausprägungen des Karate und dessen nationalen Organisationen, sondern schafft ein Forum des Austauschs zwischen Aktiven, die über den reinen Sportbetrieb hinaus am ursprünglichen Zusammenhang aller mit dem Karate verwandten Disziplinen in stilübergreifenden Bewegungsprinzipien interessiert sind. Wir empfehlen Mitgliedern des Shotokai Karate Deutschland e.V., die nicht unmittelbar oder ausschließlich dem Shotokai-Karate im engeren Sinne zuzuordnen sind, sich auch weiterhin mit ihrer tradierten Ausformung oder Stilart des Karate auseinanderzusetzen, und begrüßen weitere Mitgliedschaften, die diese Bindungen zum Ausdruck bringen. Außerdem vermitteln bzw. fördern wir Mitgliedschaften in internationalen Verbänden, sofern diese mit den Grundgedanken des Shotokai Karate Deutschland e.V. vereinbar sind.

 

 

 

 

Die wesentlichen Ansatzpunkte der grundsätzlichen Auseinandersetzung des Shotokai Karate Deutschland e.V. mit der Körperbewegung des Menschen sind nun zu umreißen, um die über eine sportliche Disziplin und Selbstverteidigungsmethode hinausweisende Bedeutung des Karate als Bewegungskunst deutlich zu machen.

 

Der Shotokai Karate Deutschland e.V. will dazu beitragen, die Körperbewegung des Menschen in ihrem Wesen verstehen zu lernen und aus der Erfahrung der Energiedynamik unseres Bewegens das Verhältnis zum eigenen Körper neu zu bestimmen.

Ausgehend von der Kritik am herrschenden Umgang mit dieser Problematik in der alltäglichen wie auch sportlichen Praxis arbeitet der Shotokai Karate Deutschland e.V. daran, die fundamentale Bewegungsstruktur des Menschen freizulegen. Ansatzpunkt der Kritik ist das herrschende Selbstverständnis, mit dem unsere Bewegung - damit zugleich auch unser Körper - instrumentalisiert wird. Den Körper des Menschen als eine Art Instrument für sportliche Ziele zu benutzen, bedeutet, die Sensibilität für unsere Bewegung als wesentlichen Zugang zur eigenen Körperlichkeit einzuschränken und damit selbstverständlich auch die Gesundheit zu gefährden. Aber gleichermaßen wie der Sport sind die im Alltag vorrangig eingeübten unmittelbar zielorientierten, allein der Zweckmäßigkeit dienenden Bewegungsmuster zu problematisieren.

Karate als Bewegungs- und VerteidigungsKunst, wie es der Shotokai Karate Deutschland e.V. vertritt, zeichnet sich demgegenüber durch die Selbsthaftigheit der Bewegungen bei gleichzeitiger Erzeugung eines hohen Energieüberschusses aus. Diese konzentrierten Bewegungen scheinen uns besonders geeignet, einen Zugang zum eigenen Körperzentrum als Energieursprung zu eröffnen.

Der Shotokai Karate Deutschland e.V. fühlt sich deshalb aber nicht schon einer der vorgegebenen Zielsetzungen verpflichtet, mit denen das Karate üblicherweise verknüpft wird: Karate wird weder als allein in der Tradition begründete ein für alle mal festgeschriebene Lehre akzeptiert, noch werden alle erst vom modernen Wettkampfsport hervorgebrachten Modifikationen oder gar Modeerscheinungen übernommen. Das heißt aber auch nicht, daß Karate als bloß besonders effektives Fitnessprogramm propagiert würde, das als Ausgleich zum Alltag die "Flickarbeit" in Sachen Gesundheit leistet oder eine der modernen Wegwerfgesellschaft analoge "Fit-for-fun(ction)-Mentalität" bestärkt; vielmehr entwickelt der  Shotokai Karate Deutschland e.V. mithilfe der allgemeinen Bewegungsprinzipien, wie sie gerade im Karate und verwandten Bewegungsformen ostasiatischer Herkunft besonders prägnant zutage treten, einen Leitfaden, anhand der Energiekonzentration im Körper die Präsenz des eigenen Personseins zu erfahren.

Bewegungsformen fernöstlicher Herkunft werden vom Shotokai Karate Deutschland e.V. nicht kritiklos zur Aneignung angeboten, vielmehr werden unsere Bewegungsgewohnheiten, die sich bei genauerem Hinsehen oftmals als Bewegungsvermeidungsgewohnheiten entpuppen, mit eben diesen hochenergetischen Bewegungsformen konfrontiert, um so eine neue Perspektive auf die durch alltägliche oder sportartspezifsche Instrumentalisierung abgestumpfte Körperbewegung zu gewinnen. Das erst ermöglicht uns, Bewegungsformen aus der Ferne des Östlichen in die Nähe unseres eigenen Erfahrungshorizonts zu bringen, hält uns zugleich aber auch von jenen vermeintlich authentischen Lehren ostasiatischer Provenienz fern, die mittels disziplinierender Bewegungsübungen, basierend auf einer Struktur von Befehl und Gehorsam, die hierarchische Unterordnung unter eherne Gesetze der Tradition fordern und dies durch das Rekurrieren auf sogenannte "geistig-philosophische Hintergründe" verbrämen. Entgegen solch dogmatisch versteiften Lehrmeinungen können allein die unablässig zu erforschenden allgemein menschlichen Prinzipien von Bewegung den Leitfaden für das Konzept des Shotokai Karate Deutschland e.V. bilden.

 

 

 

 

 

Der Shotokai Karate Deutschland e.V. arbeitet auf der Basis der seit Mitte der 80er Jahre von der Initiative KarateKunst entwickelten und seit Anfang der 90er Jahre vom Akademischen KarateForum systematisierten Grundlagen an einem neuen Konzept des Bewegungslernens und erprobt alternative Formen der disziplinübergreifenden Vermittlung von fundamentalen Bewegungsprinzipien. Das von Peter Kalinowski entwickelte Programm der Entteleologisierung der Körperbewegung des Menschen versucht - statt stupidem Einüben von vorgegebenen Bewegungsformen, deren "geistiger Hintergrund" erst nachträglich geliefert wird - die bewegungsimmanente Geistigkeit des Einzelnen zum Ausgangspunkt zu nehmen und von hier aus die größtenteils verdeckten Bewegungspotentiale des Körpers freizulegen und zu entwickeln. Die Freisetzung dieser Potentiale ermöglicht dann hochenergetische Bewegungen und führt dabei auch zur Vitalisierung des ganzen Körpers. Das diese Bewegungsdynamik erst ermöglichende Ausgangspotential steht noch vor der Bewegungsdynamik selbst im Zentrum dieses Ansatzes. Wir sprechen hier ausdrücklich von einem dynamisch interpretierten "Bewegungskarate" im Gegensatz zur statischen Sichtweise, die sich in einem "Stellungskarate" ausdrückt. Abgelehnt werden auf primär äußere Normen ausgerichtete Bewegungsformen, die gerade nicht am Bewegungsursprung, sondern am Bewegungsziel einer Endstellung ansetzen.

 

Karate als Kunst bedeutet Bewegen aus dem Ursprung. Die KarateKunst ist eine Praxis jenseits der Wirkungsorientierung von Bewegung als bloßer "Bewegungstechnik" (Karatetechnik) oder gar von Effekthascherei eines auf artistische Darbietung ausgerichteten Karate.

 

Der  Shotokai Karate Deutschland e.V. wendet sich weiterhin gegen die Verherrlichung jedweder kriegerischer Handlungen, wie sie sich z.B. in einer unkritischen Haltung dem japanischen Samurai-Ethos gegenüber manifestiert. Eine solche in Kreisen Kampfkunst-Begeisterter leider gängige Auffassung führt zur Idealisierung der Vorstellung vom "edlen Rittertum", dessen Ethos aus der Sicht einer humanistischen Grundauffassung zumindest als höchst problematisch zu beurteilen und schwerlich mit den modernen Errungenschaften eines gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen in einer pluralen Gesellschaft in Einklang zu bringen ist.

 

Karate ist nach dem Verständnis des  Shotokai Karate Deutschland e.V. keine Kriegskunst. Eine Gleichsetzung des Kämpferischen mit dem Kriegerischen, wie dies die geläufige Zurechnung des Karate zu den sog. "martial arts", also "Kriegskünsten", suggeriert, ist in Bezug auf die vom  Shotokai Karate Deutschland e.V. vertretene Form des Karate als Kunst nicht haltbar. Die Rolle des Kampfes im Dienste des Kriegerischen ist grundsätzlich zu unterscheiden vom Kampf als Selbstbehauptung oder (Selbst-)Verteidigung. Das Kämpferische als Ausdruck einer kritischen Haltung im Sinne des Sich-Wehren-Könnens soll gefördert werden, wohingegen die Feigheit einer geist- und gefühllosen kriegerischen Haltung zutiefst verabscheut wird.

 

In diesem Sinne ist die Idealform der Selbstverteidigung dadurch charakterisiert, an der Energie des Angreifers anzusetzen, diese aufzunehmen, um dann dessen destruktive Aggressivität gegen ihn selbst zu wenden. Der Shotokai Karate Deutschland e.V. geht in seiner Praxis der KarateKunst wie auch in der Selbstverteidigung von den grundlegenden Bewegungsstrukturen des Menschen aus, über die nahezu jeder alltäglich schon verfügt, die dann aber durch Konzentration auf das eigene Energiezentrum eine völlig neue Qualität bekommen. Besonders Frauen kommt es entgegen, daß nicht primär am Aspekt der Muskelkraft, der Domäne des "starken Mannes", angesetzt wird, sondern die Geschmeidigkeit und Dynamik des Bewegens betont wird. Durch diese Qualitäten können dann wiederum große Kräfte freigesetzt und vor allem kann dadurch die Angriffsenergie beim ausweichenden Verteidigen erst genutzt werden. Blockartige Bewegungen sollen soweit wie möglich vermieden werden, weil sie dem angestrebten Bewegungsfluß entgegenstehen. Auch die gesundheitsfördernde Wirkung dieser Übungsmethode basiert darauf, daß mit fortschreitender Übung immer weniger Kräfte, die dem inneren Energiefluß zuwiderlaufen, erzeugt werden. Einfühlung in den eigenen Körper über Bewegung bedeutet aus der Sicht der Energiedynamik, immer mehr mit seinem Energiefluß zu arbeiten und so ein hektisches "Über-sich-hinaus-Gehen" und das daraus resultierende "Außer-sich-Sein" zu vermeiden.

 

Sogenannte "Ganzheitsmethoden" der Vermittlung sind in Bezug auf das Konzept des Shotokai Karate Deutschland e.V. dennoch fehl am Platze, da der Weg zur Ganzheit des selbsthaften Bewegens des Einzelnen allein über eine der Vermittlung bestimmter Bewegungsformen vorausgehende und diese durch und durch bestimmende Analyse möglich ist. Entscheidend ist, daß wir beim Erlernen einer neuen Bewegung zuallererst über den kognitiven Akt des Verstehens eine Bewegungsvorstellung entwickeln, also nicht irgendwelchen "exotischen" Bewegungen unreflektiert begegnen und diese dann einfach nachahmen. Ausgehend von einer die wesentlichen Aspekte umfassenden Bewegungsvorstellung kann jeder auf dem Wege der Übung die für sich selbst angemessene Bewegungsausprägung entwickeln, die dann Ausdruck der Einfühlung in den Körper ist, und nur so wird jedem einzelnen Individuum seine eigene Ganzheit als Eigenheit über eine individuelle Synthese der Bewegungsprinzipien in seiner Person eröffnet und zugestanden, die sich von der seines Lehrers und seiner Mitübenden zwangsläufig unterscheidet. Eine "allgemeinverbindliche Ganzheitlichkeit" hingegen verschleiert gerade jene erst auf analytischem Wege zu gewinnenden Bewegungsprinzipien und vereinheitlicht die Gesamtbewegung im Hinblick auf das Vorbild des Lehrers, so daß statt der Einfühlung in den eigenen Körper ein Bemühen gefördert wird, einer äußerlichen, sichtbaren Bewegungsform zu entsprechen. Die als "idealtypisch" angesehene Bewegungsweise des Lehrers als Meister und VorBILD wird in diesem Zusammenhang gar als "ganzheitlicher" Ausdruck eines kosmischen Prinzips gedeutet, wodurch eine nähere Untersuchung des Phänomens unterbunden wird. Dieser "esoterische" Weg wird abgelehnt und stattdessen eine unverblümte Exoterik in Bezug auf das Bewegungslernen im Karate gefordert. Dadurch aber verliert die Kunst nichts von ihrem Reiz, der sich für die bewußt Übenden in der Spannung zwischen der Vorstellung der Idealbewegung und der Verwirklichung im Bewegen auftut - eine Spannung, die immer wieder von neuem zum Weiterüben antreibt. Auch der geheimnisvolle Charme einer jeden wirklich ausgereiften individuellen Ausprägung von Bewegungen der KarateKunst bleibt, trotz aller Bemühungen um Einsicht in die zugrunde liegenden Bewegungsprinzipien, unangetastet - als harmonische Ausgeglichenheit von geistigen und körperlichen Vermögen.

Der vom Shotokai Karate Deutschland e.V. vertretene strukturanalytische Ansatz und die daraus hervorgehende Methodik des Bewegungslernens wird gelegentlich, besonders von "spirituellen Praktikern", die eine japanische DO-Lehre für sich in Anspruch nehmen, als Ausdruck eines einschränkenden, weil hypertrophierten "westlichen Verstandesdenkens" mißverstanden, das es mithilfe "östlicher Praktiken" gerade zu überwinden gilt. Dabei wird von der Voraussetzung ausgegangen, der Verstand verbaue uns prinzipiell das im Üben selbst liegende Glücksempfinden und verhindere gar tiefere Einsichten in das eigene Wesen. Ein ausschließlich kontemplativer Weg des Übens soll einen Ausweg aus dem Zirkel uns ständig bedrängender Gedanken darstellen, von denen es sich zu lösen gilt, um eine "höhere Erkenntnisstufe" zu erlangen. In letzter Konsequenz wird von dieser Seite sogar versucht, die rationale Analyse aus der Praxis des Bewegungslehrens und -lernens gänzlich auszuschließen und statt dessen durch die Vorgabe von vorgefertigten Verhaltensmustern auf der Basis eines "Kanons von Sekundärtugenden", wie sie einer "östlichen Praxis" zu entsprechen scheinen, eine universelle Heilslehre als Alternative zum eigenen Nachdenken zu propagieren. Wir können uns aber nicht ohne weiteres aus der uns prägenden Rationalität verabschieden, ohne dabei ein konstitutives Vermögen einzubüßen, das gerade notwendig ist, um einen Zugang zu "östlichen Praktiken" zu gewinnen, der über eine bloße Maskerade hinausreicht. Der  Shotokai Karate Deutschland e.V. will die Sphäre dieser Rationalität nicht verlassen, bevor die sich aus ihr ergebenden Möglichkeiten in Bezug auf ein tieferes Verstehen der Körperbewegung des Menschen überhaupt erst annähernd ausgeschöpft sind. Dem erwähnten Mißverständnis hingegen liegt das Vorurteil zugrunde, "westliches Denken" mit instrumenteller Vernunft gleichzusetzen - einer Geisteshaltung, in der der Körper als bloßes Perzeptions- und Ausführungsorgan erscheint und folglich wie ein Werkzeug be- und vernutzt wird. Diese Einstellung zum Körper kritisiert der Shotokai Karate Deutschland e.V. selbst aber vehement, nur daß hier versucht wird, die eigentlichen Ursachen dafür innerhalb des Denkens und Fühlens unseres Kulturkreises aufzudecken, anstatt sich unkritisch Weisheiten ostasiatischer Provenienz - meist bis zur Konturlosigkeit simplifiziert - als Leitfaden für eine alternative Lebensführung anheimzugeben.

Damit jeder und jedem Einzelnen die Möglichkeit eröffnet wird, tiefgreifende Einsichten in die Bewegungsprinzipien und ihre Zusammenhänge zu bekommen, ist die Schaffung eines "entspannten Feldes" des Erkennens, Erprobens und Übens notwendige Voraussetzung, die mit einer bestimmten Auffassung des Meister-Schüler-Verhältnisses und dem damit üblicherweise einhergehenden Reglement nicht vereinbar wäre. Das Meister-Schüler-Verhältnis, ein an sich schon in Bezug auf die modernen Errungenschaften des Zusammenlebens problematisches Gebilde, wurde im Zuge der institutionalisierten Verbreitung des Kampfsports im Westen, oftmals ohne jegliche Befähigung oder auch nur Bereitschaft zu kritischer Einsicht in seine geschichtliche Einbindung in die asiatische Mentalität und Religiosität, übernommen und in den Dienst eines autoritären Unterwerfungsverhältnisses gestellt, im dem, einschließlich der hierarchisch strukturierten Subsysteme, kritikloses Befolgen von Befehlen als selbstverständlich erachtet wird. Diese "Kasernenhofmentalität" mit dementsprechenden Kommunikationsformen hat im Verbund mit Machismus, Brutalität und "autoritärer Charakterbereitschaft" seit Beginn der Etablierung des ostasiatischen Kampfsports im Westen bis heute dessen Image geprägt. Gerade hiervon wendet sich der Shotokai Karate Deutschland e.V. mit aller Entschiedenheit ab und stellt sich ausdrücklich auf den Boden einer freiheitlich-demokratisch verfaßten Gesellschaft und ihres der Intention nach herrschaftsfreien Dialogs aller Mitglieder als Mitmenschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Shotokai Karate Deutschland e.V., 22. Juli 2000